Variations on an Original Theme ‚Enigma’ op. 36

Edward Elgar schrieb seine Variationen im Winter 1898/99, und Hans Richter dirigierte die Uraufführung des neuen Stücks am 19. Juni 1899 in der Londoner St James’s Hall.

Das Orchesterwerk stellt zunächst ein eigenes Thema vor, welches in der Folge vierzehn Variationen erfährt. Der Reiz eines Variationen-Satzes besteht ja darin, dem Thema in jeder Variation ein anderes Gesicht zu geben, und das hat der Komponist in diesem Fall ganz wörtlich genommen: Er porträtierte nämlich in jeder Variation eine Person aus seinem Umkreis, ohne diese konkret zu nennen. Damit gab er der Nachwelt ein Rätsel (griechisch: αἴνιγμα /Enigma) auf, das darin bestand, herauszufinden, wer hinter welcher Variation steht. Um die Lösung zu befördern, hat Elgar gewisse Hinweise zu jeder Variation gegeben, beispielsweise die Initialen der oder des Porträtierten: „Dass ich bei jeder Variation das Thema im Spiegel einer Persönlichkeit betrachtet habe ... ist entschieden amüsant.“

Die erste Variation ist eine liebevolle Widmung an Elgars Frau Alice, die übrigen Personen sind für die heutige Zuhörerschaft kaum noch von Interesse. Allemal spannend ist die musikalische Charakterisierungskunst des Komponisten, welche das Publikum auch nach mehr als einem Jahrhundert immer noch genauso amüsiert, wie Elgar sich das vorgestellt hatte.
Wer übrigens glaubt, mit der Entschlüsselung der einzelnen Personen sei das Rätsel gelöst, wird von Elgar eines Besseren belehrt: „Das Hauptthema tritt niemals auf; Wie in einigen neueren Dramen, erscheint die Hauptfigur niemals auf der Bühne.“

Im Finale hat sich der Komponist selber porträtiert: Wie die grandiose Musik unschwer verrät, sah sich Elgar nicht mehr als den Provinzmusiker aus Worcester, sondern als national gefeierten Tonschöpfer, der in der Hauptstadt London ankommen war und daselbst am 13. September 1899 sein Werk mit einer erweiterten Fassung der Final-Variation dirigierte.

Chor-Einschub Nimrod/Psalm 100 (arr. André Fischer): Make a joyful noise (Uraufführung)

In der Variation Nr. IX ‚Nimrod’ reflektiert Edward Elgar ein Gespräch mit seinem engen Freund und Förderer August Jaeger über Beethovens Adagio-Sätze. Die Bezeichnung 'Nimrod' ist ein Wortspiel mit dem Namen 'Jaeger': Nimrod heisst der „gewaltige Jäger vor dem Herrn“ im Buche Genesis.

Nach dem zweiten Weltkrieg kam Elgars Adagio als Gedenk-Hymne für die Gefallenen in Gebrauch und ist in unserer heutigen Zeit fester Bestandteil des Londoner Remembrance Sunday (2. Sonntag im November).
Seit John Cameron 1998 das Stück für achtstimmigen Chor arrangiert und mit den Requiemsworten Lux aeterna unterlegt hat, scheint die Bestimmung der Nimrod-Variation als Trauermusik endgültig besiegelt.

Selbstverständlich sind solche Konnotationen, nur weil sie vom Komponisten nicht intendiert sind, nicht a priori schlecht oder gar verwerflich. Trotzdem möchte André Fischer Elgars Adagio von diesem Trauermusik-Image befreien und unterlegte deshalb seinem Arrangement, das in Uraufführung als Chor- Einschub vor der Final-Variation präsentiert wird, die jubilierenden Worte von Psalm 100:

Make a joyful noise to the Lord, all ye lands!
Serve the Lord with gladness,
and come before his presence with a song!
Be ye sure, that the Lord, he is God:
It is he, who made us, and not we ourselves;
We are his people, and the sheep of his pasture.
Enter his gates with thanksgiving,
and his courts with praise!
Be thankful unto him, and praise his name!

For the Lord is gracious, and his mercy is everlasting,
and his love is steadfast.
His truth endures, and his faithfulness continues through all generations.
Make a joyful noise to the Lord!

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Jauchzet dem Herrn, all’ ihr Lande!
Dienet dem Herrn mit Freuden,
und singt zur Begegnung ein Lied ihm!
Seid euch gewiss, der Herr ist Gott:
Er ist’s, der uns geschaffen, und nicht wir selbst;
Wir sind sein Volk, und die Schafe seiner Weide.
Geht ein zu seinen Toren mit Danken,

und zu seinen Höfen mit Loben!
Seid ihm dankbar, und lobt seinen Namen!
Denn der Herr ist freundlich, und seine Gnade ewig,
und seine Liebe unerschütterlich.
Seine Wahrheit hat Bestand, und seine Treue währt über Generationen.
Jauchzet dem Herrn, all’ ihr Lande!